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"Die alten Regeln der Kunst haben ausgedient!"
by Ulrike Schmid - Dienstag, 13 September 2005, 12:34
 
Ein Schlüssel in die Welt des Internet: Die VHS-Community an der Volkshochschule Stuttgart

von Ulrike Schmid, VHS Stuttgart (Heft 32005 | dis.kurs)

Die vhs-community der vhs stuttgart gibt es seit September 2002. Sie steht unter dem Motto "learning by doing". Heute, nach drei Jahren Erfahrung, ist eine rückblickende Betrachtung möglich, die auch für andere Volkshochschulen interessant sein könnte.

Im Jahr 2002 mutete es zunächst etwas abenteuerlich an, eine Community für eine Volkshochschule einzurichten. So lässt sich wohl auch die Tatsache deuten, dass die Domain vhs-community.de wider Erwarten nicht vergeben war. Doch aus der Sicht des EDV-Fachbereichs gab es Wahrnehmungen, die für die Einrichtung eines solchen Angebotes sprachen:

Immer mehr ältere Menschen und Personen, die der technischen Entwicklung eher skeptisch gegenüber standen, besuchten seit einiger Zeit Einführungskurse. Die Motivation war klar erkennbar: "Ich möchte nicht abseits stehen. Ich brauche diesen Schlüssel, der mir die neue Welt des Internets öffnet!"

Natürlich, wie alle Volkshochschulen haben wir reagiert. Kurse entstanden, die nach den damals bekannten Regeln der Unterrichtskunst diesem Bedarf gerecht werden sollten. Irgendwie schien ja auch alles zu gelingen. Die Kurse waren gut besucht und konnten, entgegen dem deutlichen Trend der verminderten Nachfrage von EDV-Kursen, ausgeweitet werden. Ungewöhnliche Rückmeldungen blieben ebenfalls aus. Dennoch, es blieb ein Unbehagen, zunächst eher eine atmosphärische Störung, die erst nach und nach Gestalt annahm.

Die alten "Regeln der Kunst" hatten ausgedient! Das war eine der ersten Erkenntnisse. Natürlich können Menschen mit Geduld, Ausdauer und stets verfügbarer Betreuung lernen, "wie man ins Internet kommt". Doch was können diese Späteinsteiger anschließend mit dem Gelernten wirklich anfangen? Können wir sie damit vertrösten, dass sie nur weiterhin üben müssen? Eines Tages wird sich ihnen dann auf wundersame Weise alles Unvertraute erschließen? Der Ansatz "learning by doing" war schon treffend. Doch der Schlüssel war in der Kommunikation zu suchen. Der Community-Gedanke bildet diesen Zusammenhang ab.

Zusammen mit den Dozentinnen und Dozenten begann eine Phase intensiven Austausches. Es war unübersehbar, dass die eigentlichen Barrieren zunächst bei uns aufgedeckt und möglichst ausgeräumt werden mussten. Soll aus einem Dozenten ein "Lernbegleiter" werden, dann ist offene Kommunikation die allererste Voraussetzung. Als Medium für diesen Prozess wurde so weit irgend möglich die Community genutzt. Auf diese Weise wurde die Reflexion für alle Beteiligten transparent. Ableitungen für einen angemessenen veränderten Unterricht konnten ansatzweise geleistet werden.

Die Community-Innensicht

Die Community wurde aus der Praxis für die Praxis entwickelt. Geplant war, sie zunächst in einer Pilotphase im EDV-Fachbereich zu nutzen. In einem späteren Schritt sollte dann bei Bedarf die Integration weiterer Fachbereiche erfolgen.

Im Wesentlichen bestand die Community zunächst aus Foren und einer Lernplattform. Die öffentlichen Foren orientierten sich vor allem an EDV-Themen. Eines der Foren war das Übungsforum für alle Einsteiger, das insbesondere in den entsprechenden Kursen erfolgreich eingesetzt wurde. Mit Hilfe der Lernplattform wurden einzelne Kurse durch zusätzliche Angebote erweitert. Die Lernplattform erwies sich vor allem auch als gut geeignetes internes Organisations- und Kommunikationsmittel. Sie ist zudem ein sehr gutes Mittel, um Erfahrungen mit den neuen Medien im Unterricht zu machen. Sie unterstützt die Programmplanung ebenso wie den Austausch über die Erfahrungen mit neuen, weiterführenden Kursen für Einsteiger.

Bald wurde deutlich, dass die öffentlichen Foren - außer dem Übungsforum - wenig genutzt wurden. Es gab dafür, so zeigte sich, eigentlich keine Zielgruppe. EDV-Themen werden in gut besuchten spezialisierten Webseiten bestens abgehandelt. Unser Interesse, die Kommunikation von Teilnehmerinnen und Teilnehmern anzustoßen und zu begleiten, war dagegen pädagogisch motiviert und so nicht vermittelbar. Eine Revision der öffentlich zugänglichen Community verlagerte dann auch die Schwerpunkte: Die Foren traten zurück, ihre Position übernahmen News.

Tatsächlich gelang es uns, mit guten, wenngleich nicht sehr häufig erscheinenden Artikeln vor allem für das Lernen mit den neuen Medien Interesse zu wecken. Außerdem war diese Form der Publikation sehr gut geeignet, Hintergründe und Konzepte für unser Kursangebot darzustellen. Eine gute Werbemöglichkeit also.

Die Publikations- und Kommunikationsformen im Internet entwickeln sich rasant. Weblogs erlangten inzwischen auch im Bildungsbereich hohe Aufmerksamkeit. Offensichtlich sind die Einstiegsbarrieren dieser Publikationsform besonders auch für Ungeübte, die an Inhalten interessiert sind und gern selbst schreiben möchten, sehr gering. Die Community wurde um ein Weblog erweitert. Eine Dozentenfortbildung, die öffentlich nachvollziehbar mit Hilfe der Weblogs durchgeführt wurde, bereitete die Nutzung auch für Kursteilnehmer vor. Die Förderung der Kommunikation durch dieses Medium erwies sich bereits in der Fortbildung als erfolgreich. Die Vermutung ist, dass zukünftig Einsteiger ihre Medienkompetenz am besten über Weblogs oder ähnliche Publikationsformen erlangen können.

Der Umbruch

Volkshochschulen haben den deutlichen Vorteil vor anderen Bildungsanbietern, dass sie sich schnell mit neuen Entwicklungen, also vor allem auch mit veränderten Lehr- und Lernformen, auseinandersetzen können und müssen. Dies wird noch unterstützt durch die zumeist besonders engagierten Dozentinnen und Dozenten, die sich mit dem Bildungsauftrag der Volkshochschulen identifizieren.

Dem steht gegenüber, dass in der Regel die Mittel fehlen, dieses Tun so intensiv zu betreiben, dass zum Beispiel ein Angebot wie die "vhs-community" auch finanziell erfolgreich sein kann. Für die vhs-community gilt nach wie vor: Es geht um Inhalte, nicht um möglichst aktuelle, attraktive technische Neuerungen. Allerdings lässt sich diese Alternative nicht aufrecht erhalten - wie die Weblogs zeigen. Eine Aktualisierung der Open-Source-Software wurde bis vor kurzem aus diesen Gründen zurückgestellt. Doch plötzlich auftretende technische Probleme zwangen zu einer Aktualisierung. Für die vhs-community bedeutete dies: Umstieg auf jetzt aktuelle Software; die bisher genutzte war nicht mehr updatefähig.

Das jetzt installierte System (moodle) erweist sich als äußerst flexibel und attraktiv. Es ist deutlich spürbar, dass die Entwicklung nicht nur von Technikern sondern vor allem auch von erfahrenen Pädagogen geleistet wurde. Da diese neue-alte vhs-community mit dem neuen Semester startet, werden wir hierüber in einem der nächsten Hefte berichten.

Die vhs-community hat sich für uns als vielschichtiges Instrument für die Entwicklung neuer Angebote unter Nutzung der Neuen Medien erwiesen. In diesen Prozess sind sowohl die Dozenten, die Teilnehmer und wir als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter konstruktiv eingebunden. Zukünftig werden Blended-Learning-Angebote einen größeren Stellenwert gewinnen. Damit wird voraussichtlich auch der wirtschaftliche Nutzen größer.